Bruno Raetsch Künstler Dresden  
Bruno Raetsch
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Bruno Raetsch - Westwörld

In unserer unsesshaften Zeit verbringt kaum jemand sein weiteres Leben dort, wo er geboren wurde. Somit gehört der Begriff Heimat in der Regel zur Zeit des Heranwachsens. Deren Bilder, ins Gedächtnis geschrieben in allgemeiner Sorglosigkeit, halten als Idealwelten fast jedem Vergleich mit später Erlebtem stand. Der Hintergrund dieser Bilder muß bei weitem keine schneebedeckte Berglandschaft sein, vor die ein röhrender Hirsch tritt, er kann ebenso gut einen schmuddeligen Hinterhof zeigen, in dem sich aber fantastischer Blödsinn aushecken lies oder Nachbars Tochter zur ersten Freundin wurde. Selbst bei größter Beengtheit der Verhältnisse kann diese Heimat Freiheit symbolisieren, die man scheinbar nie wieder in so reiner Form erlangt. Als ideales Refugium zwischen den alltäglichen Bedrängnissen hat diese Heimat im Kopf eine wichtige Funktion bei der Harmonisierung des Seelenlebens, wird sie zum psychoanalytischen Topos. Sie befindet sich wie alles in den Dimensionen Raum und Zeit. Beides wird dieser Heimat aber nur begrenzt zugestanden. Und nur das erhält sie am Leben. Sie verlöre ihr trügerisches und besänftigendes Wesen, würde man ihr eine permanente Weiterentwicklung zugestehen. Sie stünde jeden Tag in Konkurrenz mit der Gegenwart und würde in dieser aufgehen. Dieser Verlust könnte schmerzhaft enden. Bruno Raetsch hat sich dieser Gefahr ausgesetzt. Er verließ dieses Refugium. Er hat jene beiden Dimensionen ausgedehnt, bis zu durch ihn individuell erfahrbaren Grenzen. Man könnte sagen: Seine Heimat ist dort und dann, wo er schon war, gerade ist oder irgendwann noch sein wird. Raetsch tut das, was der Duden nicht kann: er gibt dem Wort Heimat eine Pluralform. Als Künstler sichert er sich damit unendliche Möglichkeiten der Auseinandersetzung, hat als Maß der Dinge keinen röhrenden Hirsch. Zumindest scheint er ihm noch nicht begegnet zu sein. Und wenn dies einmal doch geschieht, dann ist es zu diesem Zeitpunkt richtig, ebenso, wie er auf jeden anderen Quadratmeter seiner Heimat bisher den Fuß gesetzt hat. Zu Raetschs Heimat gehört bisher das Rauschen im Schilf der märkischen Gewässer ebenso wie der Bahnhof in Halle, die finnischen Ostseeinseln oder einfach das Bücherregal, die monatliche Stromrechnung und der Kühlschrank in der Ecke. Bilder seiner Heimat sind sein "inneres Gepäck"1, das er von Station zu Station seines Lebens trägt und immer weiter auffüllt. Raetsch hätte wahrlich Mühe, das Abbild seiner Heimat in einem einzigen Artefakt zu präsentieren, wie es spätestens seit Konrad Witz üblich war2. Das, was Raetsch in seiner Heimat entdeckt, wird von ihm nicht verklärt oder abgeurteilt, etwa aus der Perspektive des röhrenden Hirsches, sondern befragt und Vergangenem, Gegenwärtigem und zu Erwartendem gegenübergestellt. Die Benennung der Skulpturengruppe "Westwörld" fußt auf dem Titel des Sciencefictionfilms "Westworld" aus den 1970er Jahren, in dem eine Spielzeugwelt für Erwachsene außer Kontrolle gerät. Roboter, eher als Kanonenfutter für Zeitreisetouristen bestimmt, werden zu deren Killern. Zur gleichen Zeit, als in Hollywood jener Streifen abgedreht wurde und bald auch in deutschen Fernsehern zu sehen war, mag Raetsch als Heranwachsender die Ambivalenz seiner damaligen Heimat, die Janusköpfigkeit der Gesellschaft, in der er lebte, entdeckt haben. Nichts ist und bleibt allein das, was es vorgibt zu sein. Eventuell waren damals noch für den Jungen Bruno Redensarten aufklärend wie: Übermut tut selten gut. Heute bringt er es auf den Punkt. Im Zentrum seiner ausgestellten Skulpturengruppe, ist einer fortifikatorischen Architektur, die an einen Wachturm denken lässt, das Symbol der christlichen Kirche aufgesetzt. Bei einer anderen Skulptur feuert ein Schütze aus einem schweren MG, während halb hinter ihm jemand gemütlich die Friedenspfeife raucht. An anderer Stelle stützt sich eine Art Weltraumkrieger mit der Rechten auf eine Waffe, bietet aber gleichzeitig einem imaginären Gegenüber den Palmzweig an. Seine tatsächliche Absicht hält er verborgen, da ein schmaler Seeschlitz im Helm keine Regung im Gesicht von außen erkennen lässt. Steht man inmitten der Skulpturen, wird man das Gefühl nicht los, sich in einer Welt zu befinden, in der ein großes Machtpotential anwesend ist, dessen Entfesselung zu Gewalt oder Hinwendung zum Frieden miteinander ringen und die Entscheidung darüber unmittelbar bevorsteht. Man fühlt sich aber nicht aufgefordert, an der Entscheidung teilzuhaben. Man wird nicht befragt, nur beobachtet - genannte Sehschlitze tauchen an mehreren Skulpturen auf, so auch an jener einer Kamera ähnlichen Konstruktion, hinter der ein Mann steht und konzentriert observiert. Vor den Kontrollblicken scheint nicht einmal das ungeborene Leben sicher zu sein. Eine grob befestigte Klappe am Leib einer Figur, die vage an die Venus von Willendorf erinnernd hier als Fruchtbarkeits- und Lebenssymbol verstanden werden kann, gibt brachial Einblick in die intimste Sphäre eines Menschen. Den schmalen Pfad zwischen Frieden und Krieg, Zeugung und Vernichtung versuchte Raetsch schon früher ausfindig zu machen und in seinen Kunstwerken zu verdeutlichen. Mitte der 1990er Jahre war ihm "Saturn der Schlüssel zu allen Dingen", als Symbol für die "Geburt und Vernichtung der Idee, ... den Selbstverrat, die Perversion der Zerstörungswut, die uns allen irgendwie anhaftet."3
 
Raetsch arbeitet ohne vorbereitende Skizzen oder Modell. Dies sind für ihn parallel existierende Medien. Die Kettensäge lässt ihn sich ohne Umwege "auf den Kern konzentrieren, und das ganz schnell, ... bevor mich wieder andere Ideen überfallen"4, wie er sagt. Ähnlich der automatischen Malweise der Surrealisten in den 1920er Jahren versucht Raetsch der rationalen Kontrolle zu entgehen und projiziert teilweise "Bilder schmerzhaft grausamer Exzesse"5 in das Holz. Er mag Formen nicht, "in denen man sich sicher fühlt"6. Darüber hinaus macht der Duktus der Kettensäge jede Eitelkeit traditionellen Handwerkertums unmöglich. Ein subtil geführter Stechbeitel nähme den Skulpturen die Glaubwürdigkeit, Abbilder der vibrierenden Seelenlandschaft des Künstlers zu sein. Kaum ein Jahr zuvor entstanden Reliefs in mehrschichtigem Auftrag von unterschiedlich gefärbtem Wachs. Die zumeist warmen Farbtöne wirken zunächst gewinnend auf den Rezipienten. Bei näherer Betrachtung findet er jedoch zerstörte und erloschene Welten, in denen sich manchmal skurrile Lebewesen zwischen Relikten einer technokratischen Zivilisation versuchen zu behaupten. Diese Landschaften wirken wie die unheimliche Kulisse zu jenen Holzskulpturen, dem Ensemble seelisch deformierter Kreaturen, die zwischen Schöpfung und Vernichtung wandeln, transzendierte Heimatbilder des Künstlers Bruno Raetsch.
 
Stefan Dürre
 
 
1 Wilhelm Bartsch: Bruno Raetsch, Kat. Zum Werkstattsymposium Gießerei Ihle & Janus in Rabenau, Dresden 1998, Vorwort
2 Konrad Witz: Christus wandelt auf dem Wasser, 1444, Genf. Das Bild gilt abgesehen von seinem biblischen Inhalt als erste exakte Landschaftsdarstellung der europäischen Tafelmalerei und zeigt im Hintergrund die Landschaft am Genfer See.
3 Bruno Raetsch, in: Gustav-Weidanz-Preis 1975-1996, Kat., Halle 1996, S.78
4 Bruno Raetsch, ebda.
5 Kristina Bake, in: Gegenteile. Ein Kommunikationsversuch zwischen Bildhauern, Kat., Halle 1999, S.3
6 Bruno Raetsch, in: Gustav-Weidanz-Preis 1975-1996, Kat., Halle 1996, S.78

   
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Texte
Maurizio Vanni
Stefan Dürre
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  Stefan Dürre, 2003: Bruno Raetsch - Westwörld.  
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